Brief VI
Profit Factor erklärt: Die eine Zahl, die nicht lügt
Wenn diese Seite nur eine einzige Zahl zeigen dürfte, wäre es die, der dieser Brief gewidmet ist. Nicht weil sie magisch wäre — sondern weil sie die am schwersten zu schminkende Kennzahl des Handels ist. Wer das Lexikon des Abgrunds von vorn beginnen will, beginnt hier.
Die Definition
Der Profit-Faktor ist ein Bruch: die Summe aller Gewinne geteilt durch die Summe aller Verluste eines Zeitraums.
Steht über dem Bruchstrich dasselbe wie darunter, ergibt das 1,0 — das System hat netto nichts erwirtschaftet. Liegt der Wert darüber, überwiegen die Gewinne; liegt er darunter, frisst das System Substanz. Ein Profit-Faktor von 1,2 heißt in Worten: Für jede verlorene Einheit wurden 1,2 Einheiten gewonnen. Ein Wert von 0,9: Für jede gewonnene Einheit gingen 1,11 verloren — ein Leck, das kein Optimismus stopft.
Zwei Feinheiten gehören zur sauberen Rechnung. Erstens: Die Gebühren. Sie gehören in die Verlustseite, denn sie fallen wirklich an; eine Rechnung ohne Gebühren ist Kosmetik. Zweitens: Der Zeitraum. Ein Profit-Faktor gilt immer für etwas — für diese hundert Trades, für diesen Monat, für diese Prüfung. Ohne diese Angabe ist die Zahl ein Torso.
Warum diese Zahl schwer lügt
Die beliebteste Kennzahl der Schaufenster ist die Rendite: “+340 % in einem Jahr.” Die Rendite hat nur einen Mangel — sie ist beliebig herstellbar. Man nehme genug Hebel, ein günstiges Zeitfenster und die Bereitschaft, die danebengegangenen Konten nicht zu erwähnen, und jede gewünschte Prozentzahl entsteht. Die Rendite beantwortet die Frage: Was kam heraus? Sie verschweigt die Frage: Was wurde dafür riskiert — und wie oft ging es schief?
Der Profit-Faktor beantwortet genau diese zweite Frage, denn er trägt die Verluste in seiner eigenen Formel. Man kann ihn nicht angeben, ohne die Verlustseite anzugeben; sein Nenner ist die Verlustseite. Eine Historie, deren rote Tage gelöscht wurden, hat keinen Nenner mehr — der Profit-Faktor entlarvt die Lücke, statt sie zu verdecken. Darum sind die Verlust-Tage heilig: Ohne sie ist diese Zahl nicht einmal definiert.
Und noch etwas kann der Profit-Faktor, das ihn für diese Seite unentbehrlich macht: Er funktioniert ohne Geldbeträge. Ob ein System mit kleinen oder großen Einheiten handelt — das Verhältnis von Gewinn zu Verlust bleibt dasselbe. Deshalb passt er zum FLEX-Prinzip dieser Dokumentation, die grundsätzlich keine Beträge zeigt: Die Zahl beweist Qualität, ohne Begehrlichkeit zu wecken.
Welche Werte realistisch sind
Hier eine Orientierung, die bewusst ernüchternd ausfällt — das Lexikon des Abgrunds schuldet dir Nüchternheit, keine Träume:
- Unter 1,0 verliert das System. Punkt. Auch bei hoher Win-Rate, auch bei schönen Wochen dazwischen.
- 1,0 bis 1,2 ist die Zone des Rauschens. Hier kann Können wohnen oder Zufall; erst viele Trades trennen die beiden.
- 1,2 bis 1,8 ist über lange Zeiträume das Revier solider Systeme. Unspektakulär auf dem Papier, tragfähig in der Wirklichkeit.
- Dauerhaft über 2,0 ist selten und verdient Misstrauen statt Bewunderung — meist steckt ein kurzer Zeitraum, eine winzige Stichprobe oder eine freundliche Auswahl dahinter.
Das Wort dauerhaft trägt in dieser Liste die ganze Last. Ein Profit-Faktor aus zwanzig Trades ist eine Anekdote. Aus hundert Trades: ein Hinweis. Aus vielen hundert, über verschiedene Marktphasen: ein Argument. Die Stichprobe adelt die Zahl, nicht umgekehrt — ein Grundsatz, der ebenso für die Win-Rate gilt.
Was die Zahl nicht sagt
Kein Werkzeug des Lexikons ist vollständig, und Ehrlichkeit verlangt die Grenzen. Der Profit-Faktor ist blind für drei Dinge.
Er sieht die Reihenfolge nicht: Ob die Verluste verstreut fielen oder als ein einziger Abgrund am Stück — die Zahl bleibt gleich, das Erleben nicht. Dafür gibt es den Drawdown, den Zwilling dieses Briefes. Er sieht die Verteilung nicht: Ein System, dessen Gesamtgewinn an einem einzigen Ausreißer hängt, kann denselben Profit-Faktor zeigen wie eines mit tausend gleichmäßigen kleinen Schritten — Verlässlichkeit ist nicht dasselbe wie Verhältnis. Und er sieht die Zukunft nicht: Er ist ein Protokoll des Gewesenen, kein Versprechen des Kommenden. Kein ehrlicher Mensch wird dir aus einem Profit-Faktor eine Prognose bauen.
In der Prüfung, die diese Seite dokumentiert, ist der Profit-Faktor die zentrale Messlatte: Eine Schwelle wurde vor Beginn festgelegt, und die Maschine — ein autonomes Trading-System — muss sie über eine definierte Zahl von Tagen und Trades halten oder verfehlen. Der Wert wird laufend veröffentlicht, auch wenn er unter der Schwelle liegt. Gerade dann.
Denn das ist am Ende der Grund, warum dieser Brief seine Überschrift trägt: Nicht weil die Zahl nicht falsch sein könnte — jede Zahl kann das. Sondern weil sie nicht halb sein kann. Wer den Profit-Faktor nennt, hat seine Verluste mitgenannt. Das macht ihn im Schaufenster unbeliebt — und in einer Chronik unersetzlich.
— gezeichnet: Der Chronist
Fragen zu diesem Brief
Was ist der Profit-Faktor?
Der Profit-Faktor ist die Summe aller Gewinne geteilt durch die Summe aller Verluste eines Handelszeitraums. Ein Wert über 1,0 bedeutet: Die Gewinne überwiegen. Ein Wert von 1,2 heißt, je verlorener Einheit stehen 1,2 gewonnene Einheiten gegenüber.
Wie berechnet man den Profit-Faktor?
Bruttogewinn ÷ Bruttoverlust. Beispiel: Gewinne von zusammen 600 Einheiten und Verluste von zusammen 500 Einheiten ergeben einen Profit-Faktor von 1,2. Gebühren sollten dabei in die Verluste eingerechnet werden, sonst schmeichelt die Zahl.
Welcher Profit-Faktor ist gut?
Über lange Zeiträume und viele Trades gelten Werte zwischen 1,2 und 1,8 als solide; dauerhaft über 2,0 ist selten. Sehr hohe Werte aus kurzen Zeiträumen oder wenigen Trades sind meist Zufall oder Auswahl — die Stichprobengröße zählt mehr als die Zahl selbst.
Warum ist der Profit-Faktor ehrlicher als die Rendite?
Rendite hängt von Einsatz, Hebel und Zeitraum ab und lässt sich durch Auswahl des Fensters schönen. Der Profit-Faktor setzt Gewinne und Verluste desselben Zeitraums direkt ins Verhältnis — er funktioniert ohne Geldbeträge und entzieht sich der Screenshot-Kosmetik.
Reicht der Profit-Faktor allein zur Bewertung eines Systems?
Nein. Er sagt nichts über die Tiefe zwischenzeitlicher Verluste (Drawdown), die Zahl der Trades oder die Verteilung der Ergebnisse. Aussagekräftig wird er erst zusammen mit Drawdown, Stichprobengröße und Beobachtungszeitraum.
Dokumentation, keine Finanzberatung. Keine Signale. Hier kann niemand investieren.