Brief VII

Drawdown verstehen: Wie tief darf der Abgrund sein?

Der vorige Brief hat den Profit-Faktor vermessen — die Zahl, die sagt, ob ein System gewinnt. Dieser Brief vermisst die Zahl, die sagt, was man dafür durchsteht. Sie trägt einen Namen, der klingt, als hätte ihn ein Dichter erfunden und ein Buchhalter übernommen: Drawdown. Die Tiefe des Abgrunds.

Die Definition

Stell dir die Kapitalkurve eines Systems als Gebirgswanderung vor: mal aufwärts, mal abwärts, im guten Fall über die Zeit nach oben. Der Drawdown beantwortet eine einzige Frage: Wie weit unter dem letzten Gipfel stehst du gerade?

Gemessen wird vom letzten Höchststand der Kurve, ausgedrückt in Prozent dieses Höchststands. Erreicht die Kurve ein Hoch von 100 und fällt auf 92, beträgt der Drawdown 8 %. Steigt sie auf 95, ist er auf 5 % geschrumpft — verschwunden ist er erst, wenn das alte Hoch überschritten wird. Bis dahin ist das System, wie es im Jargon heißt, unter Wasser.

Aus dieser laufenden Größe leitet sich die Kennzahl ab, die in keiner ehrlichen Historie fehlen darf: der Maximum Drawdown — der tiefste Punkt unter dem höchsten Gipfel, der je erreicht wurde. Er ist das Protokoll des schlimmsten Moments: jener Stelle der Geschichte, an der ein Beobachter mit perfektem Fehl-Timing eingestiegen und am Tief verzweifelt wieder ausgestiegen wäre.

Die grausame Mathematik der Erholung

Nun zur Eigenschaft des Drawdowns, die fast jeder unterschätzt, weil unsere Intuition Prozente für symmetrisch hält. Sie sind es nicht.

Wer 20 % verliert, braucht nicht 20 % Gewinn zur Erholung, sondern 25 — denn der Gewinn wird vom geschrumpften Kapital gerechnet. Wer 50 % verliert, braucht 100 %. Wer 80 % verliert, braucht 400 %. Der Abgrund wird nach unten hin exponentiell teurer: Die zweite Hälfte des Sturzes kostet ein Vielfaches der ersten.

Daraus folgt eine Einsicht, die nüchterner kaum sein könnte und doch wie eine Maxime der alten Schulen klingt: Es ist leichter, nicht tief zu fallen, als tief zu steigen. Risikobegrenzung ist keine Vorsicht aus Ängstlichkeit — sie ist Arithmetik. Ein System, das seine Einbrüche flach hält, schuldet der Zukunft weniger als eines, das nach jedem Rausch eine Auferstehung braucht.

Die Zeit unter Wasser

Die Tiefe ist nur die halbe Vermessung des Abgrunds. Die andere Hälfte ist die Dauer: die Zeit vom Gipfel bis zum Wiedererreichen des Gipfels, die Unterwasser-Zeit.

Sie ist die psychologisch grausamere der beiden Größen. Ein tiefer, schneller Einbruch ist ein Schlag — er tut weh und ist vorbei. Eine lange Unterwasser-Zeit ist eine Belagerung: Monate, in denen jede Bilanz dasselbe sagt — immer noch nicht zurück. In dieser Belagerung fallen die meisten Betreiber von Systemen um, und zwar nicht am tiefsten Punkt, sondern irgendwo auf halber Strecke der Erholung, wenn die Panik längst leiser geworden ist und stattdessen die Erschöpfung verhandelt: Vielleicht funktioniert es einfach nicht mehr. Wer Systeme bewertet, sollte deshalb beide Zahlen verlangen: Wie tief — und wie lange.

Was die Tiefe über ein System verrät

Im Schaufenster wird der Drawdown behandelt wie eine Krankheit: verschwiegen, geglättet, beschnitten. Dabei gilt im Lexikon des Abgrunds die umgekehrte Regel — eine Historie ohne sichtbaren Drawdown ist das Warnsignal, nicht die mit. Echte Kurven haben Dellen. Kurven ohne Dellen sind kurz, ausgewählt oder frisiert; in allen drei Fällen beweisen sie nichts. Es ist dieselbe Logik, die die Verlust-Tage heilig macht: Erst die dokumentierte Wunde macht die Chronik glaubwürdig.

Zusammen mit dem Profit-Faktor ergibt der Drawdown das ehrlichste Doppelporträt, das sich mit zwei Zahlen zeichnen lässt: Der eine misst das Verhältnis von Licht zu Schatten, der andere die Tiefe der dunkelsten Stelle. Beide kommen ohne Geldbeträge aus — Prozent genügt, das Verhältnis trägt die Wahrheit. Genau deshalb gehören beide zum festen Bestand dieser Dokumentation und ihres FLEX-Prinzips.

In der laufenden Prüfung der Maschine wird der maximale Drawdown fortlaufend veröffentlicht. Die Prüfung kennt dabei eine harte Grenze: Überschreitet ein einzelner Tag eine festgelegte Verlusttiefe, gilt sie als gescheitert — gleichgültig, wie gut die übrigen Zahlen aussehen. Das ist keine Strenge um der Geste willen. Es ist die Übersetzung dieses Briefes in eine Regel: Ein System, das tief genug fällt, hat nicht fast bestanden. Es hat den Abgrund gefunden, von dem es behauptete, ihn zu kennen.

Die Frage der Überschrift — wie tief darf der Abgrund sein? — hat also zwei Antworten. Die rechnerische: so flach, dass die Erholung bezahlbar bleibt. Und die chronistische: so tief er eben war. Gezeigt wird er in voller Tiefe.

— gezeichnet: Der Chronist

Fragen zu diesem Brief

Was ist ein Drawdown?

Der Drawdown ist der Rückgang einer Kapitalkurve von ihrem letzten Höchststand, gemessen in Prozent dieses Höchststands. Er beschreibt, wie tief es zwischenzeitlich hinunterging — unabhängig davon, wie der Zeitraum insgesamt endete.

Was ist der Maximum Drawdown?

Der größte Abstand zwischen einem Hoch der Kapitalkurve und dem tiefsten danach erreichten Punkt innerhalb des Beobachtungszeitraums. Er ist die wichtigste Risikokennzahl einer Handelshistorie, weil er den schlimmsten durchlebten Moment misst.

Warum ist die Erholung nach einem Drawdown asymmetrisch?

Weil der Verlust vom größeren Kapital gerechnet wird, der Gewinn aber vom kleineren: −20 % brauchen +25 % zur Erholung, −50 % brauchen +100 %. Die Mathematik des Abgrunds ist gegen den Gefallenen.

Welcher Drawdown ist normal?

Jedes reale Handelssystem hat Drawdowns; ihre Tiefe hängt von Stil und Risiko ab. Misstrauen verdient nicht das System mit sichtbarem Drawdown, sondern die Historie, die keinen zeigt — sie ist fast immer unvollständig oder zu kurz.

Was sagt die Drawdown-Dauer aus?

Die Zeit von einem Hoch bis zum Wiedererreichen dieses Hochs (Unterwasser-Zeit) zeigt, wie lange ein System — und sein Betreiber — im Minus ausharren muss. Lange Unterwasser-Zeiten sind psychologisch oft schwerer zu ertragen als tiefe, kurze Einbrüche.

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